Die Neuroathletiktrainer Yassin Jebrini und Berengar Buschmann behandeln einen Mann auf dem Neuro Innovation Day 2023.

Physio meets Neuro: Neuroathletik in der Physiotherapie

Lesedauer: 7 Min.

Physio meets Neuro heißt das Projekt, das zwei Welten miteinander verbindet: Die Physiotherapie und die Neuroathletik. Gemeinsam erforschen hierbei die Experten Berengar Buschmann und Yassin Jebrini die Stärken und Schnittmengen beider Methoden und versuchen, diese in Einklang zu bringen.


Inhalt

Was ist Physio meets Neuro?
Session 1: Neuroathletiktraining bei Rückenschmerzen
Session 2: Neuroathletiktraining für den Vagusnerv
Session 3: Neuroathletiktraining bei Nackenschmerzen
Session 4: Neuroathletiktraining bei Schulterschmerzen
Physio meets Neuro - Interview mit Berengar Buschmann und Yassin Jebrini
Über die Neuroathletikexperten


Was ist Physio meets Neuro?

Hauptziel der Kampagne ist es, Physiotherapeuten die Prinzipien der Neuroathletik näher zu bringen und sie zu ermutigen, diese in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Dabei geht es darum, das Verständnis für das Zusammenspiel von Nerven-, Muskel- und Bindegewebssystem zu vertiefen und neue, ganzheitliche Behandlungsansätze zu entwickeln.

Zu diesem Zweck haben Neuroathletiktrainer Yassin Jebrini und Physiotherapeut Berengar Buschmann einzelne Methoden entwickelt, gezielte Techniken aus dem neurozentrierten Training und der Physiotherapie sinnvoll miteinander zu verknüpfen. So entstand mit Physio meets Neuro ein Behandlungskonzept, das dem Menschen mental und physisch helfen kann.

In vier spannenden Sessions zeigen dir Yassin und Berengar, wie Neuroathletiktraining und Physiotherapie sinnvoll in der Praxis eingesetzt werden können. Verschiedene Beschwerden und Krankheitsbilder werden untersucht und mit der Unterstützung der besten Neuroathletik-Tools behandelt.

Session 1: Neuroathletiktraining bei Rückenschmerzen

Hast du häufig Schmerzen im Sitzen oder wenn du dir die Schuhe zubindest? Kannst du du aus dem Auto aussteigen oder verrenkst du dich in eine Schonhaltung? Kannst du durchschlafen oder hast du Probleme, lange liegenzubleiben?

Rückenschmerzen gehören nach wie vor zu den am meisten verbreiteten Volksleiten. Etwa Zweidrittel aller Deutschen leiden regelmäßig darunter. Kaum verwunderlich: Wir sitzen zu viel und bewegen uns zu wenig. Dafür ist unser Körper nicht gemacht. Regelmäßige Übungen bei Rückenschmerzen können jedoch helfen.

>> Lesetipp: 6 Neuroathletik Übungen bei Rückenschmerzen

Yassin und Berengar zeigen dir, wie alltägliche Rückenschmerzen behandelt werden können:

Session 2: Neuroathletiktraining für den Vagusnerv

Hast du Schlafprobleme? Leidest du unter chronischen Schmerzen oder Verdauungsstörungen? Bist du schnell aus der Puste? Die Ursache dieser Probleme kann häufig im vegetativen Nervensystem und dem Vagusnerv gefunden werden.

Der Vagusnerv ist der zehnte und zugleich längste Nerv des Hirnnervensystems und trägt seinen Namen nicht umsonst; denn "vagus" bedeutet auf Lateinisch "umherschweifend". Tatsächlich durchzieht dieser Nerv weite Teile unseres Körpers und vernetzt das Gehirn mit vielen Organen, darunter das Herz, die Lunge und den Darm.

Ein gut funktionierender Vagusnerv hilft uns, Stress besser zu bewältigen, indem er dafür sorgt, dass unser Körper schneller vom Anspannungs- in den Entspannungszustand übergehen kann.

>> Lesetipp: Vagusnerv aktivieren: 3 einfache Übungen für mehr Entspannung und Gelassenheit

Berengar und Yassin zeigen dir im Video, wie der Vagusnerv dein Wohlbefinden beeinflusst und wie du ihn aktiv stimulieren kannst:

Session 3: Neuroathletiktraining bei Nackenschmerzen

Hast du häufig Nackenschmerzen? Zwickt der Nacken, wenn du beim Autofahren den Schulterblick machst? Kannst du deinen Kopf richtig zur Seite drehen?

Die Ursachen für Nackenschmerzen können vielfältig sein, und häufig ist eine Kombination verschiedener Faktoren im Spiel. Eine der Hauptursachen ist die muskuläre Verspannung, die aus einer unzureichenden oder ungünstigen Haltung resultiert – sei es durch stundenlanges Sitzen vor dem Computer oder durch eine falsche Positionierung im Schlaf. Auch der zunehmende Gebrauch von Smartphones führt oft zur sogenannten "Text Neck"-Belastung, bei der der Nacken über längere Zeit in einer nach unten geneigten Position verbleibt.

Berengar und Yassin zeigen dir im Video, was man professionell bei Nackenschmerzen unternehmen kann:

Session 4: Neuroathletiktraining bei Schulterschmerzen

Tut dir die Schulter weg, wenn du ins obere Regal greifen möchtest? Hast du manchmal ein Taubheitsgefühl im Arm, das bis in die Finger geht? Hast du Angst davor, schwere Kisten zu heben oder zu schieben, weil es dann die Schulterschmerzen wiederkommen?

Schulterschmerzen äußern sich in Unbehagen und Unannehmlichkeiten im Bereich zwischen Hals und Oberarm. Sie können akut oder chronisch sein, sich in ihrer Intensität unterscheiden und durch verschiedene Bewegungen oder Haltungen verstärken. Die Schulter selbst ist das beweglichste Gelenk des Körpers und von einer komplexen Struktur aus Muskeln, Sehnen und Bändern umgeben, was es besonders anfällig für Verletzungen oder Abnutzung macht.

Berengar und Yassin zeigen dir im Video, wie das sogenannte Schulter-Impingement mit Neuroathletikübungen behandeln kannst:

Physio meets Neuro - Interview mit Berengar Buschmann und Yassin Jebrini

Im Interview sprechen Physiotherapeut Berengar Buschmann und Neuroathletiktrainer Yassin Jebrini über die Chancen dieser Zusammenarbeit.

Yassin, glaubst du, dass die traditionelle Physiotherapie mit ihren etablierten Methoden und Techniken möglicherweise veraltet ist?

YJ: Nein, auf gar keinen Fall. Die Techniken, die genutzt werden, schaffen ja für manche Patienten nachweislich Mehrwerte. Es ist aber sicherlich sinnvoll, den Blickwinkel auf Schmerz und andere Reha-Maßnahmen zu erweitern, weil deren Ursachen über die primär muskuloskelettal geprägte Therapie hinausgehen.

Berengar, ist Neuroathletik vielleicht nur ein modischer Trend?

BB: Es ist ganz sicher ein Trend. Zu den Hochzeiten des Faszientrends habe ich zum ersten Mal richtige Trendwellen kennengelernt. Für mich ist aber nicht der Trend entscheidend, sondern die inhaltliche Stärke, die auch mich persönlich fachlich weiterbringt. Hierbei darf man gerne jeder Thematik, die auf breites Interesse stößt, auch skeptisch gegenüberstehen.

Wie würdet ihr den Erfolg eurer Behandlungsform messen?

YJ: Durch reflektorische Assessments für den Therapeuten und sensorische und motorische für den Klienten können wir bei jeder Maßnahme sofort beurteilen, ob wir gerade einen Mehrwert generieren. Nur so können wir garantieren, dass alle gewählten Maßnahmen wirklich für den Patienten hilfreich sind.

BB: Meiner Meinung nach gibt es in der Welt der Neuroathletik noch zu wenig objektive Tests. Manches ist schon primär subjektiv. In Schulungen mit Yassin haben wir daher zum Beispiel Kraftmessgeräte eingesetzt, die Kräfte objektiv in Nm messen. Erfolg kommt aber durchaus auch durch Subjektivität, indem beispielsweise der Schmerz nach Techniken unmittelbar geringer ist.

Welche Art von Verletzungen oder Erkrankungen behandelt ihr am häufigsten?

YJ: Das ist sehr unterschiedlich. Da ich kein Physiotherapeut bin, kommen Patienten meist erst zu mir, wenn die Reha abgeschlossen ist und sich der gewünschte Erfolg nicht eingestellt hat. Wir sehen häufiger Klienten mit Schmerzproblemen oder Bewegungseinschränkungen, die Ärzte und Physiotherapeuten nicht in den Griff bekommen haben.

BB: In meinem Fall sind es allerlei Sportverletzungen und Überlastungssyndrome. Alles aus der Welt der Orthopädie und Chirurgie.

Wie unterscheiden sich die Physiotherapie und Neuroathletik in Bezug auf den Rehabilitationsprozess?

BB: Ich glaube sie unterscheiden sich nicht, sondern ergänzen sich. Faszienrollen oder Tapes zum Beispiel werden in der Physiotherapie ebenso oft eingesetzt wie in der Neuroathletik. Es kommt auf die Sichtweise an: Bediene ich damit das Nerven- oder Bindegewebssystem mehr? Ich glaube man bedient beides. Man kann aber je nach Ziel im Detail andere Anwendungsschwerpunkte setzen.

YJ: In der Neuroathletik achten wir neben der muskuloskelettalen Arbeit auch auf die Wiederherstellung der Bewegungskontrolle und -steuerung durch das zentrale Nervensystem. Wenn nach einer Verletzung oder Operation eine Struktur über einen gewissen Zeitraum nicht wie gewohnt belastet wird, hat das nicht nur Auswirkungen auf die Belastbarkeit der Knochen, Muskeln, Sehnen, Faszien und Bänder, sondern auch auf die neuronalen Bereiche, die diese Strukturen innervieren und steuern. Wir müssen im Rahmen von Reha-Maßnahmen immer beides im Blick haben.

Wie seht ihr die Zukunft für Physiotherapie und Neuroathletik im Hinblick auf neue Erkenntnisse und Entwicklungen in der Rehabilitation?

BB: Das ist schwer zu beantworten. Die Zukunft der Physiotherapie ist für sich eine ganz eigene komplexe Frage. Im Hinblick auf das Match dieser beiden Welten glaube ich, dass vieles zusammenwachsen und sich immer weiter annähern wird. Neuroathletik wird sicher in Grundzügen zur fest integrierten Anwendungsform.

YJ: Unser Kollege Felix Danners, ein Physiotherapeut, hat letztens gesagt, dass der Begriff Neuroathletik der Sache an sich gar nicht gerecht wird, da es um mehr geht als die Integration der funktionellen Neurologie ins Athletiktraining oder die Therapie.

Beim Wort Neuroathletik erwarten viele Leute ein neues Set an Techniken und Werkzeugen. Die neurozentrierte Perspektive bringt aber neben einer breiten Palette an Tools vor allem einen neuen Blickwinkel mit sich. Wir neigen dazu, eine uns vertraute Bandbreite an Techniken bei einem bestimmten Problem anzuwenden, was manchmal zu Erfolgen führt, manchmal aber auch nicht. Der neurozentrierte Ansatz bringt hier eine klare Struktur, wann was bei welchem Problem sinnvoll zum Einsatz kommen kann. Ich empfehle an der Stelle gerne den Podcast Zwischen Augenklappe und manueller Therapie, Episode 10 - Felix war auf Fortbildung.

Yassin, ist die Neuroathletik in der Lage, den breiten Anwendungsbereich der traditionellen Physiotherapie abzudecken?

YJ: Die Frage impliziert die Substitution der Physiotherapie durch Neuroathletiktraining, was absolut nicht zielführend ist. Ich nutze gerne die Metapher der funktionellen Neurologie als Regenschirm unter den alle Techniken aus Therapie und Training passen und der uns erklärt, wann und in welchem Kontext welche Technik in welcher Dosierung gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Wie Ber [Berengar] schon festgestellt hat – wir arbeiten alle am gleichen System, wir haben über unterschiedliche Techniken und Werkzeuge nur andere Zugänge. Die einen zielgerichteter und im Einklang mit den Bedürfnissen des Nervensystems der Patienten, die anderen eher zufällig und gewohnheitsbasiert. Der neurozentrierte Trainingsansatz ergänzt die Physiotherapie hervorragend und ermöglicht schnellere und zielgerichtetere Therapieerfolge. Die muskuloskelettale Perspektive wird um den der neuronalen Bewegungskontrolle und Bewegungssteuerung ergänzt.

Berengar, gibt es in der Physiotherapie eine Tendenz zur Symptombehandlung anstelle einer ganzheitlichen Ursachenanalyse?

BB: Ja ganz sicher. Aber der gegenwärtige, gravierende Grund dafür sind nicht zwingend unqualifizierte Therapeuten, sondern die Arbeitsbedingungen mit extrem begrenzten Zeitintervallen pro Patient.

Gibt es bestimmte Verletzungen, bei denen ihr die Zusammenarbeit mit der jeweils anderen Behandlungsform empfehlen würdet?

BB: Aus den bisherigen Erfahrungen kann man erfolgreiche gemeinsame Schritte bei Bandscheibenvorfällen, Kreuzbandrissen und beispielsweise auch Schulterimpingements gehen.

YJ: Definitiv. Gerade was manualtherapeutische Maßnahmen angeht, sind Physiotherapeuten in der Regel wesentlich besser ausgebildet und bewandter als Trainer und bewegen sich hier auch rechtlich auf sichererem Terrain.

Was müsste man tun, damit Patienten von einer integrativen Herangehensweise profitieren, welche die besten Elemente beider Behandlungsformen vereint?

BB: Um auf visionäre, hochmotivierte und fortbildungswillige Therapeuten zu hoffen und die Chance zu erhöhen, braucht es eine Reform im deutschen Gesundheitssystem. Letztlich heißt es ja auch nicht, dass der Physiotherapeut den Neuroathletik Trainer ersetzen muss, sondern er kann testen, in wie weit die Ansätze hieraus für den Patienten relevant sind und dann auch an professionelle Kollegen vermitteln. Dafür muss ich als Physio aber auch dieses systemische Denken verstehen.

YJ: Für mich sollte die funktionelle Neurologie in die Ausbildung von Therapeuten integriert werden, damit eine vollständigere Behandlung möglich ist. Dies gilt für Sportwissenschaftler und Trainer gleichermaßen. Es existiert eine Lücke, die es im Bereich des Trainings und der Therapie zu schließen gilt. Davon würden alle profitieren. Fakt ist: Wir arbeiten alle immer mit dem Nervensystem. Deshalb sollten wir es verantwortungsvoll und nicht zufällig tun, ausschließlich auf unseren eignen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten basierend.

Über die Neuroathletikexperten

Berengar Buschmann, DOSB Sporthysiotherapeut, Physiotherapeut B.Sc., Sekt. Heilpraktiker & Trainer, Inhaber AREHA Idstein

Berengar Buschmann ist Sportphysiotherapeut aus Leidenschaft und lebt diese Berufung innerhalb seines „zweiten Berufslebens“ täglich dynamisch und optimistisch. Er ist seit 10 Jahren als Dozent und seit 6 Jahren mit Sportlern aus dem Hochleistungs-/Profisport (Top 100 Tennisspieler ATP sowie Fußballer aus der Bundesliga und Champions League) im Einsatz. In seinem ersten beruflichen Lebensschritt war er Berufsfußballer, wurde zum betitelten Sportinvaliden und kam stärker zurück ins Leben als je zuvor. Diese Erfahrungen helfen ihm heute, seinen Kunden beziehungsweise Patienten zu helfen. Seither tüftelt und entwickelt Buschmann als „Gesundheitsvisionär“ an und mit seinem AREHA Team das „möglichst perfekte Konzept“ zur Gesunderhaltung.

Yassin Jebrini | Sportwissenschaftler, Neuroathletiktrainer & Ausbilder

Yassin Jebrini ist einer der führenden Coaches und Ausbilder im Bereich Neuroathletik. Er nutzt seine Erfahrungen als Z-Health Master Practicioner, ehemaliger Leistungssportler (Fußball & Rudern), Master-Absolvent der Deutschen Sporthochschule Köln und langjähriger Trainer, um ambitionierte Trainer und Therapeuten sowie Athleten in neurozentrierten Trainings- und Therapieansätzen auszubilden. Sein sechsmonatiges Neuroathletik Mentorship gehört zu den professionellsten und tiefgründigsten Ausbildungsprogrammen im deutschsprachigen Raum.

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